Glossar · Analyse

Der dritte Mann: Wie aus einem unmöglichen Pass ein möglicher wird

Beim Spiel über den Dritten erreicht eine Ablage den Läufer, den der erste Passgeber nicht direkt anspielen konnte. Wie es funktioniert und wo die Grenzen liegen.

Two passes linking three players while a dashed red line shows the third player's run into space to receive the second pass.
Bild: Touchline Notes

Das Spiel über den Dritten ist eine Passkombination, bei der A zu B spielt und C, während die Abwehr auf diesen Pass reagiert, in den freien Raum startet und den nächsten Ball von B bekommt. Der Punkt ist, dass A den Spieler C nicht direkt hätte anspielen können. Der Passweg war zu, oder C hatte sich noch nicht bewegt. Über den Umweg B erreicht das Team einen Spieler, den die Abwehr nicht im Blick hatte, weil Verteidiger den Ball und den Mann am Ball verfolgen, nicht den Läufer, der von woanders kommt. In deutschen Trainingsunterlagen wird mitunter auch der Wandspieler B als „Dritter“ bezeichnet. Hier ist mit dem dritten Mann der Läufer C gemeint, wie im englischen „third man run“.

Die Mechanik ist einfach, das Timing ist es nicht. Der erste Pass muss mehr leisten, als den Ball zu bewegen: Er muss einen Verteidiger herausziehen. Ein Stürmer, der sich einem zentralen Mittelfeldspieler entgegen fallen lässt, um vom Innenverteidiger angespielt zu werden, zieht seinen Bewacher mit. Ein Flügelspieler, der sich an der Seitenlinie anbietet, verleitet den Außenverteidiger zum Herausrücken. In dem Moment, in dem sich dieser Verteidiger festlegt, existiert der Raum hinter ihm, und der dritte Mann muss bereits dorthin unterwegs sein. Startet C erst, wenn B den Ball annimmt, ist er zu spät. Startet er, wenn A den Ball abspielt, kommt er meist rechtzeitig. Trainer verwenden ganze Einheiten auf diese halbe Sekunde: Ein zu früher Lauf endet im Abseits oder in der Deckung, und ein zu später trifft auf einen Verteidiger, der sich erholt hat.

Die Rolle von B wird oft unterschätzt. Er bekommt den Ball meist mit dem Rücken zum Tor, unter Druck, und muss ihn direkt auf einen Läufer klatschen lassen, den er womöglich nicht klar sieht. Teams, die das Muster gut spielen, haben in der Regel einen Stürmer oder Zehner, der gern für einen Moment Wandspieler ist. Die Ablage ist der ganze Trick.

Warum schlägt das eine kompakte Abwehr? Ein gut organisierter tiefer Block schließt die naheliegenden vertikalen Passwege. Innenverteidiger und Mittelfeldspieler stellen sich zwischen den Ball und die Spieler hinter ihnen, und ein direkter Pass in den Fuß des Stürmers wird entweder abgefangen oder kommt an, wenn schon zwei Verteidiger an ihm dran sind. Das Spiel über den Dritten verlangt keinen Passweg, der schon da ist. Es schafft einen, indem es die Abwehr zuerst in Bewegung bringt. Der Pass zu B ist sicher und kurz. Der Pass von B zu C geht in die Lücke, die die Reaktion auf den ersten Pass gerade geöffnet hat. Dieselbe Logik steckt hinter der Überzahl: Man schlägt den Verteidiger nicht im Zweikampf, man gibt ihm zwei Aufgaben zugleich und lässt ihn die falsche wählen.

Es ist auch einer der saubersten Wege zu mehr Vertikalität ohne lange Bälle. Ein Team kann den Ball dreißig Pässe lang quer laufen lassen und keine Linie brechen. Zwei schnelle Pässe, steil und dann durch, brechen sie in drei Sekunden, und der Läufer hat am Ende das Tor vor sich.

Der klassische Ort für das Spiel über den Dritten ist der Halbraum, der Kanal zwischen Innen- und Außenverteidiger. Ein Flügelspieler hält die Breite, ein Außenverteidiger oder Mittelfeldspieler spielt den Stürmer an, und ein Achter läuft aus dem Halbraum in die Lücke, die der Bewacher des Stürmers hinterlassen hat. Coaches' Voice beschreibt ein Beispiel von Manchester City gegen Chelsea, bei dem Sterling zu Cancelo spielte und Cancelo Kevin De Bruyne fand, der als dritter Mann hinter die Innenverteidiger lief. Guardiolas Teams nutzen das Muster seit Jahren, und Gasperinis Atalanta baute einen großen Teil seines Angriffs darauf auf, mit Schienenspielern und Mittelfeldspielern, die sich als Läufer abwechselten.

Wie zeigt sich das in den Daten? Meistens gar nicht, und das sollte man ehrlich sagen. Eventdaten erfassen die Pässe. Sie erfassen weder den Lauf noch den Verteidiger, der herausgerückt ist und den Raum geöffnet hat. Die Form der Kombination lässt sich in einer Passfolge erkennen, ein kurzer Pass, dann sofort ein längerer nach vorne, aber nichts in einem üblichen Eventdatensatz markiert sie als solche. Trackingdaten können die Bewegung ohne Ball erfassen, sind aber selten öffentlich. Manche Analysten zählen Sequenzen nach dem Muster steil, klatsch, tief von Hand am Video. Wenn eine Seite die Zahl der Läufe des dritten Mannes für ein Team nennt, sollte man fragen, wie gezählt wurde.

Was es nicht ist: ein Doppelpass. Am Doppelpass sind zwei Spieler beteiligt, und der erste Passgeber ist zugleich der Läufer. Der Verteidiger, der dem Pass gefolgt ist, folgt auch dem Rückpass. Am Spiel über den Dritten sind drei Spieler beteiligt, und der Läufer war nie am Ball. Das ist der gesamte Vorteil. Die Abwehr beobachtet einen Pass und einen Spieler, den sie sehen kann, und die Gefahr kommt von einem, den sie nicht beobachtet hat. Es ist auch nicht jeder beliebige Pass auf einen Läufer. Hätte A den Spieler C direkt anspielen können und wählt grundlos B, ist das ein verschenkter Kontakt, kein Spiel über den Dritten.

Warum ist der dritte Mann so schwer zu verteidigen?

Weil ein Verteidiger dafür den Ball verlassen und einen Spieler aufnehmen müsste, der ihn noch gar nicht hat, und fast alles, was Verteidiger lernen, in die andere Richtung zeigt. Sie sollen den Ball unter Druck setzen, kompakt bleiben und ihrem Mann folgen. Der erste Pass der Kombination belohnt alle drei Gewohnheiten und bestraft sie eine Sekunde später. Der Verteidiger, der zu B herausrückt, macht seine Arbeit. Das Problem ist die Lücke, die er hinterlässt, und die einzige Lösung ist ein Mitspieler, der den Lauf liest, bevor er passiert, und rechtzeitig einschiebt. Ketten, die im Raum verteidigen, ihre Form halten und B den Ball annehmen lassen, kommen besser zurecht als mannorientierte, aber sie geben den ersten Pass jedes Mal her.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Third-man runs: football tactics explained — The Coaches' Voice (abgerufen am 18 Sep 2026)
  2. Tactical theory: Third man principle — Total Football Analysis (abgerufen am 18 Sep 2026)
  3. Third-Man Runs: Football Tactics Explained — The Football Analyst (abgerufen am 18 Sep 2026)