Formationen und Rollen · Analyse

Regista: der Regisseur vor der eigenen Abwehr

Der Regista ist ein tiefer Spielmacher vor der Abwehr. Was er von einem Sechser unterscheidet, von Pirlo über Xabi Alonso bis Çalhanoğlu.

Der tiefe Mittelfeldspieler im 3-5-2 mit Passpfeilen zu den Flügeln und einem Stürmer.
Bild: Touchline Notes

Ein Regista ist ein tiefer Spielmacher, der vor der eigenen Abwehr steht und von dort das Passspiel seiner Mannschaft lenkt. Das italienische Wort bedeutet Regisseur. Er besetzt die Position eines Sechsers, prägt das Spiel aber vor allem durch die Auswahl und das Tempo seiner Pässe. Defensive Verantwortung hat er trotzdem.

Im Deutschen gibt es dafür kein eigenes Wort mit derselben Schärfe. Man spricht vom „tiefen“ oder „tiefstehenden Spielmacher“, im Alltag schlicht vom Sechser. Die deutsche Wikipedia beschreibt den Regista als tiefer stehenden Spielmacher, der defensive Aufgaben übernimmt und aus der Tiefe nach vorn stößt. Der Unterschied zum klassischen Sechser liegt weniger in der Position als im Schwerpunkt.

Pirlo und die italienische Schule

Der Spieler, der die Rolle definiert, ist Andrea Pirlo. Er begann als offensiver Mittelfeldspieler. In der Saison 2000/01, als Leihspieler in Brescia, stellte ihn Trainer Carlo Mazzone vor die Abwehr, weil Roberto Baggio schon die Zehn besetzte. Carlo Ancelotti ließ ihn beim AC Mailand dort. Deutsche Zuschauer erinnern sich vor allem an das WM-Halbfinale 2006 gegen Deutschland: In den letzten Minuten der Verlängerung bereitete Pirlo das Tor von Fabio Grosso vor. Im Finale gegen Frankreich wurde er zum dritten Mal im Turnier zum Spieler des Spiels gewählt. Bei Juventus gewann er ab 2011 viermal in Folge die italienische Meisterschaft.

Warum der beste Passgeber so weit hinten steht

Weil dort die Zeit ist. Ein Zehner bekommt den Ball mit einem Verteidiger im Rücken. Ein Regista nimmt ihn mit Blick auf das ganze Feld an, meist von einem Innenverteidiger, das Spiel liegt vor ihm. Im Spielaufbau kann er von dort kurze Verbindungen, Seitenwechsel und linienbrechende Pässe auswählen. In einem Passnetzwerk erscheint er deshalb oft als größter Knoten.

Wie das in der Bundesliga aussieht, zeigte Xabi Alonso beim FC Bayern unter Pep Guardiola. Beim 2:0 in Köln am 27. September 2014 hatte er 206 Ballkontakte, damals Bundesliga-Rekord; die alte Bestmarke von 187 hielt Thiago. Entscheidend ist aber nicht, möglichst oft angespielt zu werden, sondern Mitspieler so zu erreichen, dass die Mannschaft Druck überwinden und Raum gewinnen kann.

Ein Beispiel mit deutscher Biografie ist Hakan Çalhanoğlu. Der gebürtige Mannheimer spielte beim KSC, beim HSV und in Leverkusen vor allem offensiv. Bei Inter stellte ihn Simone Inzaghi im September 2022 nach einer Verletzung von Marcelo Brozović auf die Sechs, und Çalhanoğlu blieb dort als Regista des 3-5-2. In der Meistersaison 2023/24 erzielte er 13 Ligatore, sein bester Wert.

Wer die Rechnung bezahlt

Ein reiner Passgeber braucht Schutz für den Raum, den er beim Freilaufen verlässt. Die Mezzali an seinen Seiten öffnen weiter vorn Passwege und müssen zugleich mit zurückarbeiten. Eine Dreierkette hinter ihm bietet weitere Ausgangspunkte und zusätzliche Absicherung, weshalb der Regista im italienischen 3-5-2 so gut aufgehoben ist. Eine Doppelsechs verteilt den Aufbau dagegen auf zwei Empfänger. Ein guter Passgeber kann nicht jede ungünstige Staffelung ausgleichen.

Wie Gegner ihn ausschalten

Wer den Regista mit Blick nach vorn annehmen lässt, gibt die Kontrolle ab. Die übliche Antwort ist, ihn zu verfolgen oder den Passweg durch die Stellung eines Stürmers abzuschirmen. Oft ist das Zuspiel auf ihn selbst ein Pressingauslöser: Sobald er den Ball bekommt, läuft das Pressing an. Darauf kann der Regista mit einer anderen Höhe reagieren, etwa indem er zwischen die Innenverteidiger fällt, oder mit einem seitlichen Ausweichen. Manchmal ist die bessere Lösung, dass ein Innenverteidiger selbst andribbelt. Das Team darf nicht vollständig von einem einzigen Empfänger abhängen.

Der reine Regista ist seltener geworden, weil Pressing die Zeit vor der Abwehr verkürzt hat. Die Idee lebt aber weiter: Jede Mannschaft, die von hinten aufbaut, braucht dort jemanden, der das ganze Feld sieht. Beim Zuschauen lohnt ein Blick auf den tiefsten Mittelfeldspieler, wenn ein Innenverteidiger den Ball hat. Dreht er sich zum Spiel auf und verteilt, oder legt er sofort zurück? Und wer schließt hinter ihm, wenn er ins Pressing gerät?

Was ist der Unterschied zwischen einem Regista und einem Sechser?

In der Position kaum einer, im Zweck ein großer. Beide spielen vor der Abwehr. Ein klassischer Sechser soll sie vor allem schützen, also abschirmen, Zweikämpfe führen und Bälle abfangen. Ein Regista soll vor allem Angriffe einleiten, muss aber trotzdem mitverteidigen.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. The regista: explained — The Coaches' Voice
  2. The Regista: football tactics explained — FourFourTwo
  3. The Evolution of the Deep-Lying Playmaker: From Pirlo to Rodri — Breaking The Lines