Formationen und Rollen · Analyse

Falsche Neun und Mittelstürmer: einer lässt sich fallen, einer bleibt vorn

Die falsche Neun lässt sich ins Mittelfeld fallen, der klassische Neuner bleibt vorn bei den Innenverteidigern. Vergleichstabelle, Grafik und Beispiele.

Zwei Spielfelder nebeneinander, beide im 4-3-3. Links die falsche Neun, der Mittelstürmer rot mit Pfeil zurück ins Mittelfeld. Rechts der klassische Neuner, rot mit Pfeil in die Tiefe Richtung Tor.
Bild: Touchline Notes

Eine falsche Neun startet als Mittelstürmer und lässt sich ins Mittelfeld fallen, sodass ein Innenverteidiger herausrücken muss oder beide niemanden zu decken haben. Ein klassischer Neuner bleibt vorn zwischen den Innenverteidigern, bindet sie, läuft in die Tiefe und schießt die meisten Tore selbst.

Auf dem Aufstellungsbild stehen beide an derselben Stelle. Der Unterschied ist die Richtung: Der eine kommt zum Ball, der andere geht weg vom Ball, Richtung Tor. Diese Wahl verändert, wer wen deckt und wer die Tore schießt. Die ganze Vorgeschichte steht in den Artikeln über die falsche Neun und den Mittelstürmer. Diese Seite stellt beide nebeneinander. Im Deutschen ist das Thema eng mit der Frage verbunden, ob eine Mannschaft einen „echten Neuner“ braucht.

Falsche Neun Klassischer Mittelstürmer (Neuner)
Wo er steht Startet vorn, nimmt den Ball zwischen gegnerischer Abwehr und Mittelfeld an In der letzten Linie, zwischen oder vor den Innenverteidigern
Hauptaufgabe Verbinden, Überzahl im Mittelfeld schaffen, Läufer schicken Tore schießen, in die Tiefe gehen, Bälle festmachen
Wirkung auf die Innenverteidiger Dilemma: mitgehen und eine Lücke lassen, oder ihn aufdrehen lassen Beschäftigt sie und drückt die Kette nach hinten
Wer trifft Flügelstürmer und nachrückende Mittelfeldspieler Meist der Stürmer selbst
Gegen den Ball Gegenpressing und Passwege zustellen wie jeder Stürmer Läuft die Innenverteidiger an
Typische Systeme Einzige Spitze im 4-3-3 Einzige Spitze im 4-3-3 oder 4-2-3-1, einer von zweien im 4-4-2 oder 3-5-2
Bekanntes Beispiel Lionel Messi bei Pep Guardiolas Barcelona Robert Lewandowski, Mario Gomez

Die Formationsseiten zeigen, wo die Neun in jeder Grundordnung startet: Das 4-3-3 und das 4-2-3-1 haben eine, das 4-4-2 und das 3-5-2 zwei. Eine falsche Neun ist fast immer die einzige Spitze, denn mit einem Partner vorn haben die Innenverteidiger immer jemanden zu decken.

Was beide mit den Innenverteidigern machen

Hier liegt der Kern des Unterschieds. Ein klassischer Neuner spielt gegen die Innenverteidiger. Er bleibt an ihrer Schulter, greift den Raum hinter ihnen an und besetzt im Strafraum feste Positionen. Goal.com beschreibt den Neuner als den Spieler, der zentral in der Offensive spielt und sich oft im und um den gegnerischen Strafraum aufhält. Jedes Mal, wenn er den Lauf in die Tiefe androht, muss die Kette ein paar Meter fallen lassen, und der Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld wird für die Mitspieler größer.

Eine falsche Neun spielt von ihnen weg. Coaches’ Voice beschreibt das Dilemma: Rückt ein Innenverteidiger mit heraus, öffnen sich Lücken für Läufer, meist einen Flügelstürmer oder offensiven Mittelfeldspieler. Bleibt er stehen, nimmt die falsche Neun den Ball ungestört zwischen den Linien an. So steht sie oft frei in der Tasche vor der Abwehr, in der Zone 14, mit Blick zum Tor.

Mit Ball

Die Arbeit des Mittelstürmers konzentriert sich vor dem Tor. Die deutsche Wikipedia beschreibt die Sturmspitze als Spieler, dessen vorrangige Aufgabe das Toreschießen ist, und nennt Robustheit im Zweikampf, Kopfballstärke und Torgefährlichkeit im Strafraum. Er ist der Bezugspunkt, auf den die Mannschaft spielt. Web.de beschrieb Mario Gomez vor der EM 2016 als klassischen Stoßstürmer mit 1,89 Metern, körperlicher Präsenz und Kopfballstärke.

Die falsche Neun braucht die Fähigkeiten eines Mittelfeldspielers auf der Position eines Angreifers. Laut deutscher Wikipedia muss sie äußerst variabel sowie ball- und passsicher sein. Goal.com stellt die technische Spielstärke der falschen Neun dem körperlich präsenten Mittelstürmer gegenüber. Weil sie zum Ball kommt, bringt sie einen zusätzlichen Spieler ins Mittelfeld und schafft dort Überzahl. Der Preis: Im Zentrum des Angriffs steht niemand, bis ein anderer dort ankommt.

Gegen den Ball

Laut Coaches’ Voice erfüllt eine falsche Neun gegen den Ball die Aufgaben eines normalen Stürmers: Gegenpressing nach Ballverlust und ein zusätzlicher Spieler im zentralen Mittelfeld, um den Gegner nach außen zu lenken. Der klassische Neuner macht dasselbe, startet aber höher und läuft meist den ballführenden Innenverteidiger an.

Wer trifft, und wen jeder braucht

Mit einem klassischen Neuner geht der Ball im Strafraum zu ihm. Die Flügelspieler können Flankengeber sein, die breit bleiben, und die Mittelfeldspieler Passgeber und Balleroberer statt Torschützen.

Mit einer falschen Neun müssen die Tore von woanders kommen. Coaches’ Voice nennt die Ergänzung: Flügelstürmer auf der „falschen“ Seite, die nach innen ziehen und die Räume nutzen, die ein mitgehender Innenverteidiger hinterlässt. Eine falsche Neun braucht also Außen, die treffen, und Mittelfeldspieler, die im Strafraum ankommen, etwa einen Achter oder eine Mezzala. Ohne diese Läufe ist eine falsche Neun nur eine Mannschaft ohne Stürmer.

Beispiele

Das Referenzspiel ist Real Madrid gegen Barcelona am 2. Mai 2009, 2:6. Laut StatsBomb tauschte Messi nach sieben Minuten die Position mit Samuel Eto’o und ging vom rechten Flügel ins Zentrum. Madrids Abwehr wusste nicht mehr, wie sie sich aufstellen sollte. Messi traf zweimal und bereitete das erste Tor von Thierry Henry vor.

Spanien gewann das EM-Finale 2012 am 1. Juli in Kiew 4:0 gegen Italien, mit dem Mittelfeldspieler Cesc Fàbregas vorn im 4-3-3. Das erste Tor köpfte David Silva nach einer Flanke von Fàbregas, das zweite erzielte Jordi Alba. Dann kam der Gegensatz: Der eingewechselte Fernando Torres, ein echter Mittelstürmer, traf in der 84. Minute und legte das vierte Tor für Juan Mata auf. Die deutsche Wikipedia schreibt diesem Turnier zu, die falsche Neun populär gemacht zu haben.

In Deutschland lief diese Debatte vor der EM 2016. Web.de stellte zwei Modelle gegenüber: Mario Götze, 1,76 Meter, als falsche Neun, die zwar als einzige Spitze aufläuft, sich aber kaum im Strafraum aufhält, und Gomez als klassischer Stoßstürmer. Das Problem der Mannschaft beschrieb der Text so: viele Chancen, aber ein fehlender Vollstrecker. Die deutsche Wikipedia nennt Götze neben Fàbregas „zum Teil“ als Beispiel für die falsche Neun.

Weitere falsche Neunen bei Coaches’ Voice sind Roberto Firmino unter Jürgen Klopp in Liverpool, Harry Kane unter José Mourinho und Gareth Southgate und Karim Benzema bei Real Madrid. Goal.com zählt Robert Lewandowski zu den klassischen Neunern und beschreibt diesen Typ als körperlich stark und im Strafraum präsent. Als Archetyp des klassischen Stoßstürmers nennt die deutsche Wikipedia Gerd Müller.

Woran man sie im Spiel unterscheidet

Am besten beobachtet man den Mittelstürmer, wenn seine Mannschaft den Ball in der eigenen Hälfte hat. Kommt er zum Mittelkreis zurück und fordert den Ball in den Fuß, ist er eine falsche Neun. Bleibt er an der Schulter des letzten Verteidigers, ist er ein Mittelstürmer. Dann lohnt der Blick auf die gegnerischen Innenverteidiger: Gegen eine falsche Neun rückt einer immer wieder heraus oder sucht jemanden zum Decken. Gegen einen Neuner halten sie ihre Linie. Zuletzt hilft die Frage, wer zuerst im Strafraum ankommt, wenn der Ball auf den Flügel geht. Sind es Flügelstürmer und Mittelfeldspieler, war die Neun falsch.

Wann ein Trainer welche Rolle wählt

Eine falsche Neun passt zu einer Mannschaft, die den Ball hält und Außen hat, die treffen. Am stärksten ist sie gegen Innenverteidiger, die gern mitgehen, weil jeder Schritt Raum hinter ihnen öffnet. Gegen einen kompakten tiefen Block hat sie Probleme, weil es keinen Raum zum Zurückfallen gibt, und Flanken wie lange Bälle verlieren ihr Ziel.

Ein klassischer Neuner passt zu einer Mannschaft, die einen Bezugspunkt will: Flanken, lange Bälle, schnelle Konter. Gegen eine hohe Abwehrlinie ist ein Stürmer, der in die Tiefe startet, die direkteste Bedrohung. Viele Mannschaften haben beide Typen im Kader und entscheiden je nach Gegner, oder sie wechseln im Spiel, wie Spanien 2012 mit Torres.

Was ist der Unterschied zwischen falscher Neun und Mittelstürmer?

Ein Mittelstürmer bleibt vorn zwischen den Innenverteidigern, läuft in die Tiefe und schießt die meisten Tore. Eine falsche Neun startet an derselben Stelle, lässt sich aber ins Mittelfeld fallen. Die Innenverteidiger müssen dann wählen, ob sie mitgehen oder ihre Linie halten, und Flügelspieler und Mittelfeldspieler übernehmen die Läufe und Tore.

Ist eine falsche Neun ein Stürmer?

Auf dem Aufstellungsbild ja: Sie ist der vorderste Spieler und besetzt die Position der Neun. Im Spiel verhält sie sich eher wie ein offensiver Mittelfeldspieler, der zwischen den Linien annimmt und für andere vorbereitet. Nach Ballverlust presst sie aber wie ein Stürmer.

Warum spielt man mit falscher Neun?

Um das Mittelfeld zu gewinnen und die gegnerischen Innenverteidiger zu verwirren. Das Zurückfallen bringt einen zusätzlichen Spieler ins Mittelfeld. Geht ein Innenverteidiger mit, entsteht dahinter Raum für Flügelspieler und Mittelfeldspieler. Am besten funktioniert das für Ballbesitzmannschaften mit torgefährlichen Außen.

Wer ist das bekannteste Beispiel für eine falsche Neun?

Meist wird Lionel Messi unter Pep Guardiola genannt, beginnend mit dem 6:2 bei Real Madrid im Mai 2009. Cesc Fàbregas bei der EM 2012 und Roberto Firmino in Liverpool sind weitere bekannte Beispiele. In Deutschland wird oft Mario Götze genannt, über den vor der EM 2016 als falsche Neun diskutiert wurde.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Stürmer (Fußball) — Wikipedia
  2. EM 2016: Mario Götze oder Mario Gomez? — WEB.DE
  3. The false nine: explained — Coaches' Voice
  4. Messi Moments with Álex Delmás: Real Madrid 2-6 Barcelona, May 2009 — StatsBomb
  5. UEFA Euro 2012 final — Wikipedia (Englisch)