Formationen und Rollen · Analyse

Mittelstürmer: der Neuner, dessen erste Aufgabe das Tor ist

Was macht ein Mittelstürmer? Aufgaben mit und ohne Ball, Strafraumstürmer, Wandspieler und falsche Neun, mit Beispielen von Gerd Müller bis Lewandowski.

Ein Fußballfeld mit einer Mannschaft im 4-3-3; der Mittelstürmer ist rot hervorgehoben, und der Raum vor dem gegnerischen Tor, den er abdeckt, ist schattiert.
Bild: Touchline Notes

Der Mittelstürmer ist der vorderste, zentrale Angreifer einer Mannschaft und ihr wichtigster Torschütze. Weil er traditionell die Rückennummer 9 trägt, heißt er im deutschen Fußball meist einfach Neuner.

Tore schießen ist der Kern der Aufgabe, aber nicht die ganze. Der Mittelstürmer bindet die gegnerischen Innenverteidiger, macht Bälle fest, bis Mitspieler nachrücken, und ist im Pressing der erste Verteidiger. Wie stark er welche Aufgabe übernimmt, unterscheidet die Typen, die man im Deutschen kennt: Strafraumstürmer, Wandspieler, Raumschaffer und falsche Neun.

Mittelstürmer, Neuner, Sturmspitze

Die deutsche Sprache hat für diese Position mehr Wörter als für fast jede andere. Spielverlagerung.de nennt Mittelstürmer, Stoßstürmer, zentraler Stürmer und 9er, Letzteres wegen der historischen Rückennummer. Die deutsche Wikipedia unterscheidet zusätzlich die Sturmspitze, deren vorrangige Aufgabe das Toreschießen ist. Dazu verlangt sie Robustheit im Zweikampf, Kopfballstärke und Torgefahr im Strafraum.

Im Alltag sind Mittelstürmer und Neuner Synonyme. Wer „klassischer Neuner“ sagt, meint meist einen Strafraumstürmer, der vorn bleibt. Goal.com beschreibt ihn als körperlich starken Spieler, der in Zweikämpfen dominiert und den Strafraum besetzt. In der Übersicht der Positionen im Fußball steht der Neuner ganz vorn, vor dem Zehner und zwischen den beiden Flügelspielern.

Was ein Mittelstürmer mit Ball macht

  • Abschließen: Die Hauptaufgabe. Meist im Strafraum, oft direkt, oft unter Druck. Darum sind das Timing der Läufe und die Position im Sechzehner so wichtig wie die Technik.
  • In die Tiefe gehen: Ein Stürmer, der hinter die Abwehr starten kann, drückt die Kette nach hinten. Dadurch entsteht Platz im Mittelfeld.
  • Bälle festmachen und ablegen: Mit dem Rücken zum Tor nimmt er lange oder flache Pässe an, schirmt den Ball ab und legt auf nachrückende Mitspieler ab.
  • Räume schaffen: Laut Spielverlagerung.de spielen moderne Mittelstürmer immer häufiger als Raumschaffer, der „Platz für seine nachstoßenden Kollegen“ schafft.

Was ein Mittelstürmer ohne Ball macht

Der Neuner, der nach Ballverlust stehen bleibt, ist selten geworden. Spielverlagerung.de schreibt, dass Stürmer in Zeiten von Pressing und Verschiebeaktionen „deutlich mehr helfen“ müssen. Meist greift er die gegnerischen Innenverteidiger an, um den Ball zu gewinnen. Oder er lenkt sie dorthin, wo die eigene Mannschaft den Ball erobern will.

Er entscheidet damit, wohin der gegnerische Spielaufbau gehen kann. Er kann den ballführenden Innenverteidiger anlaufen, den Pass auf den gegnerischen Sechser zustellen oder das Spiel auf eine Seite lenken. Viele Pressingauslöser beginnen mit seinem Laufweg. Nach Ballverlust ist er oft der Erste im Gegenpressing.

Typen von Mittelstürmern

Der Strafraumstürmer. Der klassische Neuner lebt im Sechzehner. Das deutsche Urbild ist Gerd Müller. Spielverlagerung.de nennt ihn als Beispiel für den Strafraumstürmer, dessen einzige Aufgabe das Toreschießen war. Laut Wikipedia war sein Markenzeichen die schnelle Drehung auf engstem Raum. Er traf aus der Drehung, mit dem Rücken zum Tor, im Laufen und im Liegen. Für Bayern erzielte er 365 Bundesligatore in 427 Spielen, für Deutschland 68 Tore in 62 Länderspielen. Im WM-Finale 1974 in München schoss er in der 43. Minute das 2:1 gegen die Niederlande.

Der Wandspieler. Er macht hohe und flache Bälle fest und legt sie ab. Bei vorwiegend hohen Bällen spricht Spielverlagerung.de auch vom Zielspieler. Horst Hrubesch war beim Hamburger SV der Prototyp. Viele seiner Tore aus dem Spiel erzielte er per Kopf, sein Spitzname war „Kopfballungeheuer“. Die Bananenflanken von Manfred Kaltz fanden ihn regelmäßig. Im EM-Finale 1980 gegen Belgien schoss er beide Tore zum 2:1.

Der Kopfball- und Allround-Stürmer. Miroslav Klose galt laut Wikipedia zunächst als Spezialist für Kopfballtore und wurde später auch am Boden effektiver. Mit 71 Toren in 137 Länderspielen ist er Rekordtorschütze der Nationalmannschaft. Sein 16. WM-Tor, damals Rekord, erzielte er am 8. Juli 2014 beim 7:1 gegen Brasilien.

Der komplette Mittelstürmer. Robert Lewandowski verband Abschluss, Kopfball, Ballsicherung und Laufwege. Wikipedia nennt ihn als Beispiel für den Mittelstürmer und für die Sturmspitze zugleich. In der Saison 2020/21 schoss er für Bayern 41 Bundesligatore und brach damit Müllers Rekord von 40 aus der Saison 1971/72. Am 22. September 2015 traf er gegen Wolfsburg als Einwechselspieler fünfmal.

Die falsche Neun. Sie startet als Mittelstürmer, lässt sich aber ins Mittelfeld fallen, um Innenverteidiger herauszulocken und Räume für Mitspieler zu öffnen. Die Wikipedia nennt Thomas Müller, Marco Reus und Roberto Firmino als Beispiele. Mehr dazu auf der Seite zur falschen Neun.

Deutschland sucht den Neuner

Lange galt der Mittelstürmer in Deutschland als selbstverständlich: Müller, Hrubesch, Klose. Nach Klose wurde er zur Debatte. Dietrich Schulze-Marmeling schrieb im Text „Deutschland sucht den ‚Neuner‘“, dass nach Klose kein weiterer Topmann stabil zur Verfügung stand. Die Ursache sah er nicht in einer taktischen Mode, sondern im Mangel an passenden Spielern. Deutschland habe hervorragende Techniker ausgebildet, aber zu wenige Spezialisten.

Den Einfluss der falschen Neun aus Guardiolas Barcelona hielt er für eine Anpassung, nicht für eine Erfindung. Bei der EM 2016 startete Mario Götze als falsche Neun, danach stand Mario Gomez als Mittelstürmer in der Startelf. Die Debatte zeigt, dass ein echter Neuner kein Auslaufmodell ist, sondern eine Rolle, für die man die passenden Spieler gezielt ausbilden muss.

Ein Stürmer oder zwei

Im 4-4-2 und im 3-5-2 spielen zwei Stürmer. Sie teilen die Arbeit: Einer bleibt vorn, der andere lässt sich fallen; einer geht in die Tiefe, der andere macht Bälle fest. Ein Wandspieler mit einem schnellen Partner ist das klassische Duo.

Im 4-2-3-1 und im 4-3-3 steht der Mittelstürmer allein vorn. Die übrigen Aufgaben wandern zu anderen: Der Zehner und die Flügelspieler müssen in den Strafraum nachrücken. Der Stürmer selbst muss kompletter sein, weil niemand neben ihm die Innenverteidiger bindet.

Was die Zahlen zeigen

Tore allein können täuschen, weil Glück und Elfmeter viel ausmachen. Analysten schauen deshalb auf erwartete Tore (xG), die die Qualität der Chancen messen, und auf npxG, das Elfmeter herausrechnet. Die Schussqualität, also der durchschnittliche xG-Wert pro Schuss, trennt den Stürmer, der gute Chancen nimmt, von dem, der aus jeder Lage abzieht. Ein Neuner mit hohen xG-Werten bewegt sich gut, auch wenn er gerade nicht trifft.

Woran man den Mittelstürmer-Typ im Spiel erkennt

Am besten schaut man, wo er den Ball bekommt. Nimmt er ihn immer wieder mit dem Rücken zum Tor an und legt ab, ist er ein Wandspieler. Sieht man ihn fast nur im Strafraum, ist er ein Strafraumstürmer. Taucht er ständig im Mittelfeld zwischen den gegnerischen Linien auf, spielt er als falsche Neun. Dann lohnt der Blick auf die ersten Sekunden nach Ballverlust: Läuft er an, oder wartet er?

Was macht ein Mittelstürmer im Fußball?

Ein Mittelstürmer ist der vorderste zentrale Angreifer und soll vor allem Tore schießen. Er bindet die Innenverteidiger, macht Bälle fest und geht in die Tiefe. Gegen den Ball läuft er die gegnerischen Innenverteidiger an und lenkt den Spielaufbau.

Was ist ein Neuner im Fußball?

Neuner ist das deutsche Wort für den Mittelstürmer, nach seiner traditionellen Rückennummer 9. Ein „klassischer Neuner“ ist ein Strafraumstürmer, der vorn bleibt und die Chancen verwertet. Gerd Müller gilt als deutsches Musterbeispiel.

Was ist der Unterschied zwischen Stürmer und Mittelstürmer?

Stürmer ist der Oberbegriff für alle Angreifer, auch für Außenstürmer und hängende Spitzen. Der Mittelstürmer ist der zentrale Stürmer ganz vorn, der Neuner. In einem System mit nur einer Spitze sind beide Begriffe praktisch gleich.

Was ist ein Wandspieler?

Ein Wandspieler ist ein Mittelstürmer, der Bälle mit dem Rücken zum Tor festmacht und auf Mitspieler ablegt. Er ist meist groß und kopfballstark. Horst Hrubesch beim Hamburger SV ist ein klassisches deutsches Beispiel.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Stürmer (Fußball) — Wikipedia (de)
  2. Stürmer: Mittelstürmer — Spielverlagerung
  3. Was ist ein Neuner im Fußball? Das müsst Ihr über die Position wissen — Goal.com
  4. Gerd Müller — Wikipedia (de)
  5. Deutschland sucht den „Neuner“ — Dietrich Schulze-Marmeling