Formationen und Rollen · Analyse

Falsche Neun: der Mittelstürmer, der sich fallen lässt

Die falsche Neun startet als Mittelstürmer und lässt sich ins Mittelfeld fallen. Von Sindelar und Hidegkuti über Messi bis Götze bei der EM 2016.

Der Mittelstürmer im 4-3-3 fällt ins Mittelfeld zurück; ein Pfeil zeigt seinen Weg.
Bild: Touchline Notes

Eine falsche Neun ist ein Mittelstürmer, der nicht vorn bei den Innenverteidigern bleibt, sondern sich zwischen die gegnerischen Linien zurückfallen lässt. Auf dem Aufstellungsbild ist er die Spitze, im Spiel taucht er woanders auf. Daraus entsteht ein Dilemma für die Abwehr: Folgt ein Innenverteidiger, öffnet sich hinter ihm Raum. Bleibt er in der Kette, bekommt der Angreifer Zeit zum Aufdrehen.

Im Deutschen ist „falsche Neun“ der gängige Name, der „kicker“ erklärt die Rolle unter genau dieser Überschrift. Daneben liest man auch „falscher Neuner“. Verwandt, aber nicht identisch ist die hängende Spitze, die hinter einem Mittelstürmer spielt statt an seiner Stelle.

Eine Idee aus Wien

Die Idee ist deutlich älter als der Name. Matthias Sindelar, wegen seiner schmächtigen Statur „der Papierene“ genannt, führte in den frühen 1930er-Jahren das österreichische Wunderteam von Hugo Meisl an. Als Mittelstürmer ließ er sich zurückfallen, holte sich die Bälle und schuf Räume für sich und seine Mitspieler; der ORF nennt das die Erfindung der heutigen falschen Neun. Am 24. Mai 1931 bekam das Deutschland direkt zu spüren: Österreich gewann in Berlin 6:0.

Zwanzig Jahre später spielte Nándor Hidegkuti für Ungarn als zurückhängender Mittelstürmer. Beim 6:3 in Wembley am 25. November 1953 erzielte er drei Tore und zog mit seinem Zurückfallen immer wieder Verteidiger aus ihrer Position. Sepp Herberger hielt ihn für den wichtigsten Spieler der Ungarn und richtete seine Taktik für das WM-Finale 1954 darauf aus, ihn aus dem Spiel zu nehmen.

Messi, Guardiola und die Folgen

Die moderne Referenz ist Lionel Messi. Im Mai 2009, beim 6:2 des FC Barcelona bei Real Madrid, zog Pep Guardiola ihn vom rechten Flügel ins Zentrum, Samuel Eto’o ging dafür nach außen. Messi beschrieb den Plan später so: Er sollte sich ins Mittelfeld fallen lassen, Madrids Innenverteidiger sollten ihm folgen, und die schnellen Außen sollten hinter sie laufen. Spanien setzte bei der EM 2012 in mehreren Spielen, auch im gewonnenen Finale, den Mittelfeldspieler Cesc Fàbregas auf dieser Position ein. Roberto Firmino spielte die Rolle unter Jürgen Klopp in Liverpool in einer weniger extremen Form.

Auch der DFB hat es versucht. Bei der EM 2016 begann Mario Götze in den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Ukraine und Polen als falsche Neun, kam dort aber kaum zur Geltung. Gegen Nordirland stand dann Mario Gomez in der Startelf, Götze rückte auf den Flügel. Das Beispiel zeigt, wie sehr die Rolle von Form und Mitspielern abhängt.

Wie der Mechanismus funktioniert

Im 4-3-3 schafft der zusätzliche Empfänger eine Überzahl im Mittelfeld, und die gegnerischen Sechser haben einen Spieler mehr im Blick. Die falsche Neun nimmt den Ball in der Zone 14 an, also genau dort, wo es für die Abwehr am gefährlichsten ist. Damit daraus Torgefahr entsteht, müssen Flügelstürmer oder nachrückende Mittelfeldspieler die verlassene Tiefe besetzen. Ein Anspiel, eine Ablage und der Pass auf einen anderen Läufer ergeben ein Spiel über den Dritten. Ohne Tiefenlauf wird der Strafraum leer, und aus der falschen Neun wird eine Mannschaft ohne Stürmer.

Der Spieler braucht die Fähigkeiten eines Mittelfeldspielers auf der Position eines Angreifers: einen ersten Kontakt, der Druck im Rücken aushält, Orientierung vor der Ballannahme und das Passspiel, um Läufer freizuspielen. Zurückfallen befreit ihn nicht davon, selbst Tore zu schießen.

Grenzen der Rolle

Ein kompakter tiefer Block lässt zwischen den Linien kaum Raum, in den sich die Neun fallen lassen könnte. Eine Abwehr, die nicht anbeißt, ihre Linie hält und die Neun an einen Mittelfeldspieler übergibt, nimmt der Idee den größten Teil ihres Nutzens. Flanken fehlt das Ziel, und unter Druck gibt es niemanden für den langen Ball. Deshalb ist die falsche Neun meist ein Plan für bestimmte Gegner, kein Dauerzustand.

Beim Zuschauen lohnt der Blick auf die beiden Innenverteidiger des Gegners. Stehen sie oft ohne direkten Gegenspieler da und schauen auf den Raum vor sich, während der eigene Mittelstürmer am Mittelkreis den Ball fordert, ist die Rolle aktiv.

Die falsche Neun besetzt den Raum, den traditionell der Zehner nutzt. Deshalb spielen Teams mit falscher Neun selten zusätzlich einen klassischen Zehner: Zwei Spieler wollten dieselbe Zone.

Die falsche Neun versteht man am besten neben dem klassischen Mittelstürmer, der zwischen den Innenverteidigern bleibt und Angriffe abschließt; die falsche Neun startet auf dieser Position und verlässt sie dann.

Die falsche Neun versteht man am besten im Vergleich mit dem Mittelstürmer, der zwischen den Innenverteidigern bleibt: Der eine räumt das Zentrum, der andere besetzt es. Der Vergleich falsche Neun oder Mittelstürmer zeigt beide auf demselben Feld.

Was ist der Unterschied zwischen falscher Neun und Zehner?

Entscheidend ist, wo sie starten und was sie hinterlassen. Vor einem Zehner im 4-2-3-1 bleibt gewöhnlich eine Spitze, die Innenverteidiger haben also immer jemanden zu decken. Die falsche Neun räumt selbst diese höchste Ausgangsposition. Beide können am gleichen Ort den Ball bekommen, lösen aber andere Zuordnungsprobleme aus.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. The false nine: explained — The Coaches' Voice
  2. Forward (association football) — Wikipedia