Formationen und Rollen · Analyse

Zehner: der offensive Mittelfeldspieler zwischen den Linien

Was macht ein Zehner? Aufgaben mit und ohne Ball, Spielmacher von Netzer bis Wirtz, warum der klassische Zehner selten wurde und wo er heute spielt.

Ein Fußballfeld mit einer Mannschaft im 4-2-3-1; der Zehner hinter der Spitze ist rot hervorgehoben, und der Raum zwischen den gegnerischen Linien, den er abdeckt, ist schattiert.
Bild: Touchline Notes

Der Zehner ist der offensive Mittelfeldspieler, der hinter den Spitzen zwischen gegnerischem Mittelfeld und Abwehr spielt. Er bereitet Tore vor, schießt selbst und ist oft der Spielmacher seiner Mannschaft.

Den Namen hat er von der Rückennummer. Die deutsche Wikipedia nennt die 10 die „klassische“ Nummer des offensiven Mittelfeldspielers. Sein Raum ist das Zentrum vor dem gegnerischen Strafraum. Wo er im Gefüge aller Positionen steht, zeigt die Übersicht der Positionen im Fußball.

Zehner, Spielmacher, offensiver Mittelfeldspieler

Im Deutschen heißt die Position nach der Zahl, wie Sechser und Achter. „Offensiver Mittelfeldspieler“ ist die neutrale Beschreibung. „Spielmacher“ meint eine Funktion: den Spieler, um den das Angriffsspiel läuft. Laut Wikipedia spielt der Spielmacher traditionell im zentralen offensiven Mittelfeld mit der Nummer 10. Ältere Wörter für ihn sind Regisseur und Schaltzentrale.

Nicht jeder Zehner ist ein Spielmacher. Und nicht jeder Spielmacher ist ein Zehner. Wikipedia zählt Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos zu den tiefen Spielmachern, im Italienischen Regista. Sie lenken das Spiel von weiter hinten. Der Zehner steht vorn, nah am Tor. Die Italiener nennen diesen Typ Trequartista; Wikipedia ordnet Özil dort ein.

Was ein Zehner mit Ball macht

Mit Ball sucht der Zehner die Lücke zwischen den Linien. Er lässt sich vom Sechser oder von den Innenverteidigern anspielen, dreht sich auf und spielt den letzten Pass. Das kann ein Steckpass in die Tiefe sein, ein Doppelpass mit dem Stürmer oder ein Schuss aus der zweiten Reihe. Goal.com nennt hervorragende Technik, präzise Pässe und Weitschüsse als Kern der Rolle. Dazu kommen oft Freistöße, Ecken und Elfmeter.

Sein wertvollster Raum ist das Zentrum direkt vor dem Strafraum, die Zone 14. Wird es dort zu eng, weicht er in den Halbraum aus. Wie gut ihm das gelingt, messen Daten wie erwartete Assists (xA) und torschussvorbereitende Aktionen.

Was ein Zehner ohne Ball macht

Hier hat sich die Rolle am stärksten verändert. Goal.com schrieb 2020 über den klassischen Zehner, aufopferungsvolle Defensivarbeit gehöre „eher nicht zu seinen Aufgaben“. Das gilt heute kaum noch. Im 4-2-3-1 rückt der Zehner gegen den Ball oft neben die Spitze, aus dem 4-2-3-1 wird dann ein 4-4-2. Oder er bleibt etwas tiefer und schirmt den gegnerischen Sechser ab. Nach Ballverlust ist er einer der ersten im Gegenpressing.

Typen von Zehnern und deutsche Beispiele

Der Regisseur. Günter Netzer war bei Borussia Mönchengladbach der unumstrittene Chef. Er holte sich die Bälle tief und schickte mit langen Pässen die Stürmer. Mit Gladbach wurde er 1970 und 1971 Meister. Bei der EM 1972 gewann Deutschland im Viertelfinale 3:1 in Wembley, Netzer verwandelte den Elfmeter zum 2:1. Im Finale schlug die Mannschaft die Sowjetunion 3:0.

Der Dribbler und Standardschütze. Thomas Häßler, 1,66 Meter groß, spielte im offensiven Mittelfeld. Er wurde 1990 Weltmeister und spielte das Finale in Rom durch. 1996 wurde er Europameister. Zweimal wurde er Fußballer des Jahres, 1989 und 1992. Beim Karlsruher SC galt er als einer der besten Freistoßschützen der Bundesliga.

Der Vorlagengeber. Mesut Özil, Linksfuß, setzte sich im zentralen offensiven Mittelfeld auf der Spielmacher-Position durch. Bei der WM 2014 stand er in allen sieben Spielen in der Startelf und traf gegen Algerien in der 119. Minute zum 2:0. In der Saison 2015/16 gab er für Arsenal 19 Vorlagen in der Premier League. Fünfmal wurde er Nationalspieler des Jahres.

Der moderne Halbraum-Zehner. Florian Wirtz spielte bei Bayer Leverkusen im 3-4-2-1 als halblinker Zehner, zog aber oft ins Zentrum hinter die Spitze. Jamal Musiala war beim FC Bayern im 4-2-3-1 der einzige Zehner, rotierte aber häufig nach außen. So beschrieb es eine Taktik-Analyse von bundesliga.com im Februar 2024. Wirtz spielte deutlich mehr schwierige Pässe, Musiala trug den Ball öfter selbst in den Strafraum.

Netzer gegen Overath: die deutsche Zehner-Tradition

Die deutsche Wikipedia nennt Fritz Walter, Günter Netzer, Wolfgang Overath und Lothar Matthäus als herausragende Spielmacher. Anfang der 1970er-Jahre gab es zwei für einen Platz. Bundestrainer Helmut Schön setzte meist auf den Kölner Overath. Netzer galt 1972 als Bindeglied der „Wembley-Elf“ zwischen Beckenbauer und Gerd Müller. Bei der WM 1974 kam er nur einmal zum Einsatz: beim 0:1 gegen die DDR, nach 70 Minuten für Overath. Deutschland wurde trotzdem Weltmeister.

Berühmt ist auch das DFB-Pokalfinale 1973 gegen Köln. Trainer Hennes Weisweiler ließ Netzer zunächst draußen. Beim Stand von 1:1 wechselte Netzer sich selbst ein und schoss das 2:1.

Adieu, Zehner? Die Debatte

Um 2020 wurde der Abgesang auf den klassischen Zehner zum Thema. Fussballtraining.de schrieb 2019, die Doppelsechs habe ihn weitgehend verdrängt; die Last verteile sich auf mehrere Schultern. Web.de zitierte 2020 den Trainer Peter Hyballa. Der wichtigste Spieler spiele inzwischen meist auf der Sechs. Der Zehner sei „der Verrückte, der, der nicht nach hinten arbeitet“. Im selben Jahr setzte Mikel Arteta bei Arsenal Özil aus.

Die Wikipedia fasst es nüchterner: Viele Mannschaften verzichten heute auf einen einzelnen Spielmacher. Der Grund ist einfach. Ein einzelner Kreativspieler lässt sich gezielt zustellen. Die Aufgaben des Zehners sind deshalb gewandert. Achter wie die italienische Mezzala übernehmen sie aus dem Halbraum. Die falsche Neun lässt sich aus der Sturmspitze in den Zehnerraum fallen. Und Flügelspieler ziehen nach innen.

Ganz verschwunden ist der Zehner nicht. Wirtz und Musiala zeigen, dass er zurückkehrt, nur anders: beweglicher, oft aus dem Halbraum und mit Arbeit gegen den Ball.

Der Zehner im Spielsystem

Im 4-2-3-1 ist der Zehner zu Hause. Hinter ihm sichert die Doppelsechs, damit seine Lücken gegen den Ball nicht auffallen. Im 3-4-2-1 teilen sich zwei Halbraum-Zehner die Rolle, wie bei Wirtz in Leverkusen. Im 4-3-3 gibt es meist keinen festen Zehner. Dort spielen zwei Achter vor einem Sechser, und einer davon rückt oft in den Zehnerraum.

Woran man den Zehner im Spiel erkennt

Am besten schaut man auf den Raum zwischen gegnerischem Mittelfeld und Abwehr. Der Zehner ist der Spieler, der dort immer wieder auftaucht, den Körper halb zum Tor gedreht. Er bekommt den Ball oft mit einem einzigen Pass vom Sechser oder vom Innenverteidiger. Bei Ballverlust lohnt der zweite Blick: Presst er neben dem Stürmer, oder rückt er auf den gegnerischen Sechser?

Was macht ein Zehner im Fußball?

Der Zehner ist der offensive Mittelfeldspieler hinter den Spitzen. Er spielt zwischen den gegnerischen Linien, bereitet Tore mit dem letzten Pass vor und schießt selbst. Heute muss er zusätzlich gegen den Ball arbeiten und pressen.

Ist ein Zehner ein Spielmacher?

Oft, aber nicht immer. Der klassische Zehner war der Spielmacher seiner Mannschaft, etwa Günter Netzer oder Mesut Özil. Es gibt aber auch tiefe Spielmacher wie Toni Kroos, die das Spiel von der Sechs aus lenken.

Was ist der Unterschied zwischen Achter und Zehner?

Der Achter arbeitet in beide Richtungen und verbindet Abwehr und Angriff. Der Zehner spielt weiter vorn, hinter den Spitzen, und ist vor allem für den letzten Pass zuständig. Im 4-3-3 übernimmt oft ein Achter die Aufgaben des Zehners.

Gibt es den klassischen Zehner noch?

Den reinen Spielmacher, der kaum verteidigt, gibt es kaum noch. Pressing und kompakte Abwehrreihen haben ihm den Raum genommen. Der moderne Zehner presst mit und startet oft aus dem Halbraum, wie Florian Wirtz und Jamal Musiala.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Spielmacher — Wikipedia (de)
  2. Mittelfeldspieler — Wikipedia (de)
  3. Günter Netzer — Wikipedia (de)
  4. Taktik-Analyse: Florian Wirtz vs. Jamal Musiala — bundesliga.com
  5. Adieu, Zehner! Über einen Spielertyp, der ausstirbt — WEB.DE