Formationen und Rollen · Analyse

Inverser Außenverteidiger: vom Flügel ins Zentrum

Ein inverser Außenverteidiger rückt bei Ballbesitz ins Mittelfeld. Wie Guardiola das bei Bayern mit Lahm und Alaba nutzte und was es kostet.

Ein Außenverteidiger im 4-3-3 rückt neben die Sechs ins Zentrum ein.
Bild: Touchline Notes

Ein inverser Außenverteidiger verteidigt zunächst auf der Außenbahn einer Viererkette und rückt bei eigenem Ballbesitz ins zentrale Mittelfeld. Statt außen zu hinterlaufen, bietet er sich neben oder vor dem Sechser an. Invers bezeichnet hier die Bewegung, nicht den stärkeren Fuß.

Der Hinweis ist nötig, weil der Begriff im Deutschen doppelt belegt ist. Manche Glossare nennen einen Außenverteidiger „invers“, wenn er auf der Seite seines schwächeren Fußes spielt, also etwa ein Rechtsfuß links hinten. Für die taktische Rolle sind außerdem „falscher Außenverteidiger“ und „eingerückter Außenverteidiger“ verbreitet. Spielverlagerung.de schlug 2013 das genauere „hineinkippender Außenverteidiger“ vor. Alle drei meinen dieselbe Bewegung vom Flügel nach innen.

Guardiolas Bayern als Ausgangspunkt

Für deutsche Leser beginnt die Geschichte in München. In seiner ersten Saison beim FC Bayern, 2013/14, ließ Pep Guardiola seine Außenverteidiger bei Ballbesitz regelmäßig nach innen rücken. Links war das meist David Alaba, rechts Rafinha, Philipp Lahm wechselte zwischen Außenverteidigerposition und Sechs. Die Flügelspieler Franck Ribéry und Arjen Robben blieben dafür ungewöhnlich breit und hoch. Guardiola selbst sah es laut Miasanrot als wichtigsten Schachzug jener Saison an, Lahm auf die Sechs zu stellen.

Die Idee wanderte mit ihm nach England. Bei Manchester City übernahmen Fabian Delph, Oleksandr Sintschenko und João Cancelo die Rolle; im Champions-League-Achtelfinale gegen Borussia Mönchengladbach spielte Cancelo nach Beschreibung der UEFA praktisch im Mittelfeld. In der Triple-Saison 2022/23 schob Guardiola sogar den Innenverteidiger John Stones neben Rodri ins Mittelfeld.

Warum eine Mannschaft das macht

Der erste Grund ist die Zahl der Spieler in der Mitte. Ein Außenverteidiger, der im Spielaufbau breit steht, ist leicht anzulaufen, die Seitenlinie nimmt ihm die Hälfte seiner Optionen. Rückt er ein, entsteht eine zusätzliche innere Anspielstation. Folgt der gegnerische Flügelspieler nach innen, wird der direkte Pass zum eigenen Flügelstürmer frei. Bleibt er außen, kann im Zentrum eine Überzahl entstehen. Entscheidend ist eine passende Staffelung: Zwei Spieler auf derselben verdeckten Passlinie schaffen noch keine Lösung.

Der zweite Grund ist der Ballverlust. Eine Mannschaft mit zwei hinterlaufenden Außenverteidigern hat oft nur die Innenverteidiger und einen Sechser hinter dem Ball. Mit einem eingerückten Außenverteidiger steht ein Block aus fünf Spielern im Zentrum, genau auf den Wegen, die Konter nehmen wollen. Das ist eine Restverteidigung, die in die Grundordnung eingebaut ist, und sie bringt Spieler in Ballnähe für das Gegenpressing. Spielverlagerung.de hielt 2013 fest, dass diese Spielweise umso wirksamer ist, je höher der Ball verloren geht.

Was sich für den Rest der Mannschaft ändert

Ohne hinterlaufenden Außenverteidiger muss der Flügelstürmer länger breit bleiben und sein Duell eins gegen eins gewinnen. Aus einem nominellen 4-3-3 wird so mit Ball oft ein 3-2-5: drei Verteidiger, zwei Mittelfeldspieler, fünf Angreifer über alle Bahnen einschließlich der Halbräume. Es ist das deutlichste Beispiel dafür, wie aus einer Viererkette mit Ball eine Dreierkette wird. Rücken dagegen beide Außenverteidiger und beide Flügelspieler früh nach innen, wird der Angriff zu eng.

Anforderungen und Risiko

Der Spieler muss gegen einen Flügelstürmer verteidigen und im nächsten Moment im Zentrum mit Gegnern auf allen Seiten den Ball annehmen. Das ist die Fähigkeit eines zentralen Mittelfeldspielers, nicht die, die die meisten Außenverteidiger trainiert haben. Er braucht Rundumblick, sichere Ballannahmen unter Druck und ein Gefühl dafür, wann er zurück nach außen muss. Das Risiko ist der Raum, den er verlässt. Geht der Ball verloren und der erste Pass auf seinen verwaisten Flügel, wird der nächste Innenverteidiger nach außen gezogen und die ganze Kette verschiebt sich. Deshalb lassen manche Trainer nur einen Außenverteidiger einrücken und den anderen hinten.

Beim Zuschauen lohnt ein Blick auf die Außenverteidiger in dem Moment, in dem der Torwart oder ein Innenverteidiger den Ball hat. Steht einer plötzlich neben dem Sechser, während der Flügelstürmer davor an der Linie klebt, ist die Rolle aktiv.

Der inverse Außenverteidiger ist eine Spielart einer breiteren Position. Der Überblick über den Außenverteidiger erklärt die anderen: den, der hinten bleibt, und den, der seinen Flügelspieler hinterläuft.

Ist ein inverser Außenverteidiger dasselbe wie ein Flügelverteidiger?

Nein, die beiden bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen. Ein Flügelverteidiger spielt in einem System wie dem 3-5-2 und gibt Breite, indem er die Seitenlinie auf und ab läuft. Ein inverser Außenverteidiger beginnt in einer Viererkette und verlässt die Seitenlinie Richtung Mittelfeld, die Breite überlässt er dem Flügelspieler vor ihm.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Inverted full-backs: football tactics explained — The Coaches' Voice
  2. The tactical evolution of Pep Guardiola's Manchester City — The Coaches' Voice