Formationen und Rollen · Analyse
Libero und Innenverteidiger: der freie Mann und die flache Kette
Der Libero sichert ohne Gegenspieler hinter den Manndeckern ab, der Innenverteidiger verteidigt im Raum auf einer Linie. Mit Tabelle, Grafik und Geschichte.
Der Libero ist ein Verteidiger ohne direkten Gegenspieler, der hinter den anderen Abwehrspielern steht und sie absichert. Der Innenverteidiger in einer flachen Viererkette verteidigt einen Raum auf einer Höhe mit seinem Partner, und die Kette selbst gibt die Absicherung.
Beide sind zentrale Abwehrspieler. Der Unterschied liegt im System um sie herum. Der Libero gehört zur Manndeckung, bei der jeder andere Verteidiger einem Angreifer folgt. Der moderne Innenverteidiger gehört zur Raumdeckung, bei der jeder einen Raum verteidigt und keiner übrig ist.
| Libero | Innenverteidiger in der Viererkette | |
|---|---|---|
| Wo er steht | Hinter der restlichen Abwehr, tief im Zentrum | Auf einer Linie mit den anderen Verteidigern, einer von zwei in der Mitte |
| Hauptaufgabe | Räume hinter den Manndeckern absichern, freie Bälle klären | Seinen Raum vor dem Tor verteidigen und mit dem Partner die Linie halten |
| Deckung | Keine: „frei“ von einer direkten Zuordnung | Raumdeckung: er verteidigt einen Raum und übergibt Läufer |
| Mit Ball | Frei, ins Mittelfeld anzudribbeln (die Beckenbauer-Variante) | Erster Passgeber im Aufbau, der spielstarke Typ dribbelt auch an |
| Typische Systeme | 5-3-2 und andere Fünferketten der Manndeckungszeit | 4-4-2, 4-3-3, 4-2-3-1 |
| Partner | Vorstopper und Manndecker vor ihm | Ein gleichberechtigter Innenverteidiger neben ihm |
| Deutsche Beispiele | Franz Beckenbauer, Matthias Sammer | Mats Hummels, Jérôme Boateng |
Was beide gegen den Ball tun
Libero heißt auf Italienisch „der Freie“, und die Freiheit ist der Kern. In einer Manndeckung bekommt jeder Verteidiger einen Angreifer zugeteilt und folgt ihm. Verliert einer seinen Zweikampf, ist der Angreifer frei vor dem Tor. Der Libero ist die Versicherung: Er bleibt hinter den Manndeckern, liest, woher die Gefahr kommt, und räumt ab. Coaches’ Voice beschreibt den Job als Absichern und Ausputzen in den Räumen hinter den anderen Verteidigern. Die deutsche Wikipedia nennt die Idee aus Karl Rappans „Schweizer Riegel“ als Ursprung und hält fest, dass der Libero traditionell die Nummer 5 trug.
In Deutschland gehörte zum Libero der Vorstopper. Laut deutscher Wikipedia deckte der Vorstopper den gegnerischen Mittelstürmer, während der Libero dahinter absicherte. Die Bezeichnung kam in den 1960er-Jahren auf. Wolfgang Weber, Klaus Fichtel, Georg Schwarzenbeck, Karlheinz Förster und Jürgen Kohler, der 1990 Weltmeister wurde, spielten diese Rolle.
Der Innenverteidiger in einer flachen Viererkette hat hinter sich nur noch den Torwart. Er und sein Partner verteidigen je einen Raum vor dem Tor und übernehmen den Stürmer, der hineinläuft. Die Absicherung kommt aus der Kette, nicht von einem freien Mann: Rückt ein Innenverteidiger heraus, schieben der andere und die Außenverteidiger in die Lücke. Gemeinsam entscheiden die beiden auch, wann die Linie herausrückt, um Stürmer ins Abseits zu stellen, und wann sie fallen lässt.
Was beide mit Ball tun
Die ersten Liberos schlugen den Ball vor allem weg. Für diese rein defensive Variante war in Deutschland in den 1960er-Jahren auch „Ausputzer“ gebräuchlich. Franz Beckenbauer veränderte das. Laut seiner offiziellen Website spielte er beim FC Bayern ab der Saison 1966/67 unter Tschik Čajkovski als Libero, abgesichert von den Vorstoppern Werner Olk und später Katsche Schwarzenbeck. Er nutzte die Freiheit, um mit Ball ins Mittelfeld vorzustoßen und Angriffe einzuleiten. Als Kapitän gewann er die EM 1972 und die WM 1974, mit Bayern dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister von 1974 bis 1976. Matthias Sammer rückte später bei Borussia Dortmund unter Ottmar Hitzfeld aus dem Mittelfeld auf die Liberoposition. Bei der EM 1996 wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt und gewann im selben Jahr den Ballon d’Or, als erster Verteidiger seit Beckenbauer 1976.
Der moderne Innenverteidiger hat viel von dieser Aufgabe geerbt. Laut deutscher Wikipedia gehört es zu seinen Hauptaufgaben, das Spiel von hinten zu eröffnen. Er bekommt den Ball vom Torwart und wählt zwischen kurzem Pass, Pass nach außen oder einem Ball durch die erste Pressinglinie. Der spielstarke Innenverteidiger dribbelt zusätzlich ins Mittelfeld an, wenn ihn niemand stellt. Der Unterschied: Er kehrt danach in eine Linie zurück. Der Libero hatte keinen festen Platz, an den er zurückmusste.
Warum der Libero fast verschwand
Arrigo Sacchis AC Mailand zeigte die Alternative. Laut englischer Wikipedia gab Sacchi den Libero auf und spielte mit einer flachen Viererkette in Raumdeckung im 4-4-2, mit hoher Linie, Abseitsfalle und Pressing. Mit Franco Baresi, Paolo Maldini, Alessandro Costacurta und Mauro Tassotti gewann Milan 1989 und 1990 den Europapokal der Landesmeister.
Jeder Baustein dieses Systems arbeitete gegen den Libero:
- Raumdeckung machte den freien Mann überflüssig. Wenn niemand einem einzelnen Gegner nachläuft, öffnet ein verlorener Zweikampf keine Lücke, die ein Libero füllen müsste.
- Die Abseitsfalle braucht alle Verteidiger auf einer Linie. Wer ein paar Meter hinter den anderen steht, hebt jedes Abseits auf.
- Pressing schob die ganze Mannschaft nach vorn, und die Abwehr musste folgen, statt tief zu bleiben.
Coaches’ Voice ergänzt, dass die tiefe Position die Abseitslinie nach hinten verlegt und es dem Gegner leichter macht, hinter die Abwehr zu kommen.
In Deutschland kam der Umbruch spät. Am 19. Dezember 1998 erklärte Ralf Rangnick, damals Trainer des Zweitligisten SSV Ulm, im ZDF-Sportstudio die Viererkette. Sein Kernsatz laut fussballdaten.de: Die beiden Innenverteidiger erzeugen den Libero je nach Situation. Die Süddeutsche Zeitung schrieb 2011, Erich Ribbeck habe die Nationalelf bei der EM 2000 noch mit Libero antreten lassen und sei grandios gescheitert. Vier Jahre später gewann Griechenland unter Otto Rehhagel die EM mit Traianos Dellas als Libero. Laut deutscher Wikipedia auch deshalb, weil viele gegnerische Spieler noch nie gegen eine Abwehr mit Libero gespielt hatten.
Wo die Ideen des Liberos weiterleben
Die Aufgaben wurden verteilt, nicht abgeschafft.
- Der mittlere Innenverteidiger einer Dreierkette. In einer Dreierkette spielt der zentrale Verteidiger oft die Rolle, die dem Libero am nächsten kommt. Laut englischer Wikipedia haben Leonardo Bonucci, David Luiz und John Stones diese Rolle als spielstarke zentrale Verteidiger ausgefüllt.
- Der spielstarke Innenverteidiger. Coaches’ Voice nennt Stones und Harry Maguire als Verteidiger, die wie ein Libero ins Mittelfeld dribbeln.
- Der mitspielende Torwart. Den Raum hinter einer hohen Linie sichert heute oft der Torwart. Die deutsche Wikipedia nennt Manuel Neuer als Torwart, der Libero-Aufgaben übernimmt.
Die Sicherheit, die der Libero hinter einer angreifenden Mannschaft gab, organisiert heute die ganze Mannschaft als Restverteidigung. Im Jugendfußball und in den untersten Spielklassen findet der Libero laut deutscher Wikipedia dagegen noch Anwendung, weil er leichter umzusetzen ist als eine Viererkette.
Welche Systeme welche Rolle nutzen
Das natürliche Zuhause des Liberos ist eine Fünferkette der Manndeckungszeit, wie im italienischen Catenaccio. Auf der Formationsseite zum 5-3-2 lässt sich das Bild nachstellen: Man denke sich den mittleren Verteidiger ein paar Meter tiefer als den Rest.
Der Innenverteidiger in der flachen Kette gehört zu Viererketten: zum 4-4-2, das Sacchi spielte, und zum heute verbreiteten 4-3-3. Ein modernes 3-5-2 liegt dazwischen: drei Innenverteidiger auf einer Linie, der mittlere oft Organisator und erster Passgeber.
Woran man sie im Spiel unterscheidet
Am besten schaut man auf die Abwehr, wenn der Gegner angreift. Bleibt ein zentraler Verteidiger ständig ein paar Meter hinter den anderen, während seine Mitspieler einzelne Stürmer verfolgen, ist er ein Libero. Halten die Verteidiger eine gerade Linie und verschieben gemeinsam mit dem Ball, sind es Innenverteidiger in Raumdeckung.
Dann lohnt der Blick auf die Abseitslinie. Eine flache Viererkette rückt gemeinsam heraus, um Stürmer ins Abseits zu stellen. Eine Mannschaft mit Libero kann das kaum.
Mit Ball hilft die Frage, wer andribbelt. Ein Libero, der ins Mittelfeld geht, lässt keinen Gegenspieler frei, weil er keinen hatte. Ein Innenverteidiger, der aus der Viererkette vorstößt, braucht meist einen Sechser oder Außenverteidiger, der seinen Platz absichert.
Wann ein Trainer welche Rolle wählt
Fast jeder Trainer wählt heute den Innenverteidiger in Raumdeckung. Die flache Linie erlaubt hohe Abwehr, Abseitsfalle und Pressing und verbraucht keinen Spieler nur für die Absicherung. Ein echter Libero ergibt nur in einer Manndeckung Sinn, und die Rolle ist im Profifußball weitgehend verschwunden. Wer die Qualitäten eines freien Mannes trotzdem will, bekommt sie über eine Dreierkette mit spielstarkem mittlerem Innenverteidiger oder über einen Torwart, der hinter einer hohen Linie mitspielt.
Was ist der Unterschied zwischen Libero und Innenverteidiger?
Der Libero hat keinen direkten Gegenspieler und steht hinter den anderen Verteidigern, um sie abzusichern. Der Innenverteidiger in einer Viererkette verteidigt einen Raum auf einer Höhe mit seinem Partner.
Warum spielt heute niemand mehr mit Libero?
Die Raumdeckung hat den freien Mann überflüssig gemacht, und die Abseitsfalle braucht alle Verteidiger auf einer Linie. Ein Libero, der tiefer steht als die anderen, hebt das Abseits auf und verhindert, dass die Mannschaft hoch verteidigt.
Ist der mittlere Innenverteidiger einer Dreierkette ein Libero?
Streng genommen nicht, weil er meist auf einer Linie mit den anderen beiden spielt. Er übernimmt aber oft, was der offensive Libero tat: Er ordnet die Kette und dribbelt mit Ball an. Deshalb werden Spieler wie Bonucci oder David Luiz mit Liberos verglichen.
Ist der mitspielende Torwart der moderne Libero?
Zum Teil. Der mitspielende Torwart sichert den Raum hinter einer hohen Abwehrlinie, die wichtigste defensive Aufgabe des Liberos. Die Arbeit mit Ball ist vor allem an spielstarke Innenverteidiger übergegangen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Libero — Wikipedia
- Vorstopper — Wikipedia
- Der Tag, an dem Ralf Rangnick einmal die Vierer-Kette erklärte — fussballdaten.de
- The libero: explained — Coaches' Voice
- Arrigo Sacchi — Wikipedia (Englisch)