Formationen und Rollen · Analyse

Libero: der freie Mann hinter der Abwehr

Der Libero verteidigt ohne festen Gegenspieler hinter der Abwehr. Von Rappan über Beckenbauer und Sammer bis Rangnick: warum die Rolle verschwand.

Der hervorgehobene zentrale Verteidiger steht als freier Mann hinter den anderen vier.
Bild: Touchline Notes

Der Libero ist ein Verteidiger ohne festen Gegenspieler, der hinter den Manndeckern absichert. Das italienische Wort bedeutet „der Freie“: frei von einer direkten Zuordnung, nicht frei von Verantwortung. Er liest tiefe Pässe, übernimmt durchgebrochene Angreifer und sammelt Bälle ein, die an Vorstopper und Stopper vorbeikommen. In Deutschland trug er klassisch die Nummer 5.

Vom Schweizer Riegel zum deutschen Modell

Die Idee stammt aus der Schweiz. Der Österreicher Karl Rappan zog in den 1930er-Jahren einen Spieler hinter die Abwehr zurück, das System wurde als „Schweizer Riegel“ bekannt. Italienische Trainer machten daraus nach dem Krieg den Catenaccio. Der freie Mann war dort vor allem eine Versicherung: Wenn jeder Verteidiger seinem Gegenspieler über den ganzen Platz folgt, bedeutet ein verlorener Zweikampf freie Bahn zum Tor, es sei denn, einer steht dahinter. Für diese rein defensive Variante war in Deutschland in den 1960er-Jahren auch „Ausputzer“ gebräuchlich.

Franz Beckenbauer gab der Rolle einen anderen Zweck. Beim FC Bayern spielte er sie ab der Saison 1966/67 unter Trainer Tschik Čajkovski, abgesichert von Stoppern wie Werner Olk und später Katsche Schwarzenbeck. Beckenbauer nutzte die Freiheit in beide Richtungen: nach hinten, um Lücken zu schließen, nach vorn, um aus der Abwehr heraus anzudribbeln und den Spielaufbau zu prägen. Ohne direkten Gegenspieler hatte er auch keinen Bewacher. Als Kapitän gewann er die EM 1972 und die WM 1974, dazu mit Bayern dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister (1974 bis 1976). Er ist bis heute der einzige Verteidiger mit zwei Ballons d’Or (1972 und 1976). Damit teilte er manche gestalterische Aufgabe mit einem Regista, startete aber aus einer tieferen Position und blieb für die Absicherung hinter den Mitspielern zuständig.

Der offensive Libero wurde zum deutschen Modell für eine ganze Generation. Sein letzter großer Vertreter war Matthias Sammer. Mit Borussia Dortmund wurde er 1995 und 1996 Meister und gewann 1997 als Kapitän die Champions League. Bei der EM 1996 wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt, im selben Jahr erhielt er als erster Verteidiger seit Beckenbauer den Ballon d’Or.

Warum er verschwand

Der Libero passt zur Manndeckung, nicht zur Raumdeckung. Wer im Raum verteidigt, sichert sich gegenseitig ab, ein zusätzlicher Mann dahinter wird überflüssig. Mit einer hohen Abwehrlinie wird er sogar schädlich: Wer ein paar Meter hinter allen anderen steht, hebt jedes Abseits auf.

In Deutschland lässt sich der Umbruch an einem Abend festmachen. Am 19. Dezember 1998 erklärte Ralf Rangnick, damals Trainer des Zweitligisten SSV Ulm, im ZDF-Sportstudio an einer Magnettafel die Viererkette. Sein Kernpunkt: Auch diese Abwehr spielt nicht ohne Libero, die beiden Innenverteidiger übernehmen die Rolle je nach Situation abwechselnd. Die „Bild“ machte ihn daraufhin zum „Fußballprofessor“. Die Nationalmannschaft setzte unter Erich Ribbeck bei der EM 2000 noch auf den Libero und schied in der Vorrunde aus. Vier Jahre später gewann ausgerechnet Griechenland unter Otto Rehhagel die EM mit Traianos Dellas als Libero, weil kaum ein Gegner noch wusste, wie man gegen einen freien Mann angreift.

Wo die Aufgaben heute liegen

Die Funktionen sind nicht verschwunden, sie wurden verteilt. Das Ablaufen langer Bälle hinter einer hohen Linie übernimmt der mitspielende Torwart, Manuel Neuer ist dafür das bekannteste deutsche Beispiel. Das Andribbeln aus der Abwehr gehört Innenverteidigern mit Ball, die Absicherung hinter einer aufgerückten Mannschaft ist als Restverteidigung Sache mehrerer Spieler. Im Jugend- und Amateurfußball ist der Libero dagegen noch verbreitet, weil er sich leichter trainieren lässt als eine Viererkette.

Der mittlere Innenverteidiger einer modernen Dreierkette ist nicht automatisch ein Libero. Eine flache Dreierlinie verteidigt im Raum und rückt gemeinsam vor. Ein tiefer freier Mann verändert dagegen sowohl die Abstände als auch die Möglichkeit, Gegner ins Abseits zu stellen.

So erkennt man ihn im Spiel

Der Blick gehört dem Moment vor dem gegnerischen Pass. Hat jeder Verteidiger einen direkten Gegenspieler, und steht einer ohne Zuordnung dahinter? Bildet dieser Spieler die Abseitslinie oder steht er hinter ihr? Und wer übernimmt, wenn ein Stopper seinen Zweikampf verliert? In einem 3-5-2 lässt sich der zentrale Verteidiger auf der Tafel ein paar Meter zurückziehen, um den Unterschied zur flachen Linie sichtbar zu machen.

Auf dem Papier war der Libero einfach einer der Innenverteidiger. Der Überblick über die Positionen im Fußball erklärt den Unterschied zwischen einer solchen Position und einer Rolle wie dieser: Die Position sagt, wo ein Spieler beginnt, die Rolle, was er von dort aus tut.

Die offensivste Spielart des freien Verteidigers gehörte zum totalen Fußball: Im niederländischen System der 1970er-Jahre konnte der letzte Mann ins Mittelfeld vorstoßen, weil immer ein Mitspieler seinen Platz einnahm.

Der defensive Vorfahr des Liberos ist der Ausputzer des Catenaccio, des italienischen Systems, in dem hinter den Manndeckern ein freier Mann alle absicherte.

Der Libero ist der deutlichste Gegensatz zum heutigen Innenverteidiger, der mit einem Partner auf einer Linie verteidigt statt dahinter. Der Vergleich Libero oder Innenverteidiger stellt beide Rollen direkt gegenüber.

Die Idee des Liberos, ein zusätzlicher Verteidiger hinter der Kette, kehrte in anderem Trikot zurück: als mitspielender Torwart, der seinen Strafraum verlässt, um Bälle hinter einer hohen Abwehrlinie abzulaufen.

Warum gibt es heute keinen Libero mehr?

Weil fast alle Profimannschaften im Raum verteidigen und hoch stehen. Ein freier Mann hinter der Kette würde jedes Abseits aufheben und fehlt zugleich im Pressing weiter vorn. Seine Aufgaben haben Torwart, Innenverteidiger und Sechser übernommen.

Was ist der Unterschied zwischen Libero und Ausputzer?

Oft werden beide Begriffe gleich verwendet. Wer sie trennt, meint mit Ausputzer den rein defensiven freien Mann, der nur hinter den Manndeckern aufräumt. Der Libero im Sinne Beckenbauers schaltet sich zusätzlich in den Spielaufbau und den Angriff ein.

Erkunde diese Position auf der Taktiktafel.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Catenaccio — Wikipedia
  2. Defender (association football): Sweeper — Wikipedia
  3. Franz Beckenbauer revolutionized soccer with sweeper role — CNN