Spielstile · Analyse

Tiki-Taka: der Ballbesitzfußball von Spanien und Guardiolas Barça

Tiki-Taka erklärt: Kurzpässe, Dreiecke, Pressing. Woher der Name kommt, wie Spanien Deutschland zweimal schlug und was Guardiola bei Bayern versuchte.

Illustration eines Spielfelds von oben: Sieben gesichtslose rote Spieler bilden ineinandergreifende Dreiecke, verbunden durch kurze gestrichelte Passlinien, während fünf dunkle Gegenspieler im Netz hinterherlaufen.
Bild: Touchline Notes

Tiki-Taka ist ein Spielstil aus kurzen Pässen, ständiger Bewegung und viel Ballbesitz. Die Mannschaft lässt den Ball geduldig zirkulieren, bis sich eine Lücke öffnet, und jagt ihn nach einem Ballverlust sofort zurück.

Berühmt wurde der Stil durch zwei Mannschaften: Spanien, Europameister 2008 und 2012 und Weltmeister 2010, und den FC Barcelona unter Pep Guardiola. Beide bauten auf dieselben Mittelfeldspieler: Xavi, Andrés Iniesta und Sergio Busquets. Für deutsche Fans hat Tiki-Taka eine eigene Note. Zweimal stand die deutsche Nationalmannschaft dem spanischen Passspiel in einem großen Turnier gegenüber, zweimal verlor sie 0:1.

Tiki-Taka, Tiqui-Taca, Ballbesitzfußball: die deutschen Begriffe

Im Deutschen hat sich die Schreibweise Tiki-Taka durchgesetzt, die deutschsprachige Wikipedia nennt auch die spanische Form Tiqui-Taca. Das Wort steht im Spanischen für Klick-Klack-Kugeln, also für das Klackern vieler kurzer Pässe hintereinander. Populär machte es der Journalist Andrés Montes während der WM 2006 im spanischen Sender La Sexta.

Daneben spricht man in Deutschland vom Ballbesitzfußball oder Kurzpassspiel. Kritiker sprechen von Ballbesitz als Selbstzweck. Im Taktikvokabular kommt das Positionsspiel hinzu, die Struktur hinter dem Passspiel. Guardiola selbst mag das Etikett Tiki-Taka nicht. Für ihn ist Ballbesitz ein Mittel, um Lücken beim Gegner zu finden, kein Ziel an sich.

Ein deutscher Vorläufer: der Schalker Kreisel

Kurzpassfußball ist in Deutschland keine spanische Erfindung. In den 1920er-Jahren entwickelte Schalke 04 um Ernst Kuzorra und Fritz Szepan den Schalker Kreisel: direkte, kurze Pässe und Mitspieler, die sich ständig freiliefen, damit der Ballführende immer mehrere Anspielstationen hatte. Szepan ließ sich als nomineller Stürmer oft ins Mittelfeld fallen, ganz ähnlich wie später eine falsche Neun.

Auch die Kritik klingt vertraut. Laut Wikipedia warf man den Schalkern vor, „in Schönheit zu sterben“ und den Ball ins Tor tragen zu wollen. Dieselben Vorwürfe hörte Guardiola Jahrzehnte später in München.

Die Wurzeln: Cruyff und der totale Fußball

Die Ideen hinter Tiki-Taka kamen über die Niederlande nach Barcelona. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt den Stil als stark vom totalen Fußball inspiriert. Johan Cruyff brachte diese Prinzipien als Trainer nach Barcelona. Guardiola spielte im „Dreamteam“ unter ihm als defensiver Mittelfeldspieler, also als Sechser, und nannte sich später selbst einen „Cruyffianer“. Als er 2008 Trainer in Barcelona wurde, trieb er die Ideen weiter.

Spanien gegen Deutschland: 2008 und 2010

Die Erfolgsserie Spaniens begann ausgerechnet gegen Deutschland. Im EM-Finale 2008 im Wiener Ernst-Happel-Stadion schoss Fernando Torres in der 33. Minute das 1:0 für die Mannschaft von Luis Aragonés. Joachim Löws Team blieb ohne Tor. Laut UEFA spielte Aragonés' Spanien schon damals eine Form des Tiki-Taka, bevor Guardiola in Barcelona übernahm.

Zwei Jahre später kam es im WM-Halbfinale zur Neuauflage. Wieder hieß es 0:1, diesmal durch einen Kopfball von Carles Puyol in der 73. Minute nach einer Ecke von Xavi. Der Spielbericht von fussballdaten.de lobt Spaniens „faszinierende Ballsicherheit“, die dem Löw-Team Grenzen aufgezeigt habe. Deutschland setzte auf Konter, kam aber kaum zum Zug. Unter Vicente del Bosque gewann Spanien danach die WM 2010 und die EM 2012.

Guardiolas Barcelona 2008 bis 2012

Laut UEFA gewann Barcelona unter Guardiola 14 von 19 Wettbewerben in vier Jahren, allein sechs Titel in der Saison 2008/09. Die Champions-League-Endspiele gewann Barça 2009 in Rom mit 2:0 und 2011 in Wembley mit 3:1, beide Male gegen Manchester United. Alex Ferguson nannte sie danach die beste Mannschaft, gegen die er als United-Trainer angetreten war.

Die Rollen waren klar verteilt. Xavi lenkte das Spiel, Iniesta löste enge Situationen mit Technik, Busquets hielt die Position vor der Abwehr. Lionel Messi spielte als falsche Neun und machte aus Ballbesitz Tore. Viele Spieler kamen aus der eigenen Akademie; die UEFA zählt 22 Debüts von Akademiespielern unter Guardiola.

So funktioniert Tiki-Taka auf dem Platz

  • Dreiecke und kurze Wege: Der Ballführende hat immer zwei oder drei nahe Anspielstationen. Gespielt wird mit ein oder zwei Kontakten, der Ball läuft schneller, als der Gegner verschieben kann.
  • Bewegung nach dem Pass: Wer abgespielt hat, bietet sich sofort neu an. Mittelfeldspieler besetzen die Halbräume, und das Spiel über den Dritten überspielt den Verteidiger, der die erste Option zugestellt hat.
  • Geduld: Öffnet sich keine Lücke, geht der Ball zurück, auch zum Torwart. Der Spielaufbau beginnt von vorn, bis die gegnerische Ordnung bricht.
  • Sofort zurückerobern: Weil so viele Spieler in der gegnerischen Hälfte stehen, kann die Mannschaft den Ball direkt nach dem Verlust zurückjagen. Das ist eng verwandt mit dem Gegenpressing.

Die übliche Grundordnung war das 4-3-3, mit einem Sechser und zwei Achtern davor. Auch die Innenverteidiger mussten passsicher sein, denn der Aufbau begann ganz hinten.

Guardiola in München und die deutsche Debatte

Von 2013 bis 2016 trainierte Guardiola den FC Bayern. Er gewann drei Meisterschaften und zweimal den DFB-Pokal, schied aber dreimal im Champions-League-Halbfinale aus: gegen Real Madrid, den FC Barcelona und Atlético Madrid. Besonders das 0:4 zu Hause gegen Real Madrid im April 2014 löste eine Grundsatzdebatte aus. Tiki-Taka wurde als „fruchtloser Ballbesitz“ kritisiert, der zum Selbstzweck verkomme, so fasst es die deutschsprachige Wikipedia zusammen. Das Portal Spielverlagerung beschrieb 2016, wie Kritiker die angebliche Monotonie des Spiels und Personalentscheidungen in den Halbfinals angriffen.

Gleichzeitig hatte die Bundesliga ein Gegenmodell. Jürgen Klopp setzte in Dortmund auf Pressing und schnelles Umschaltspiel und nannte seinen Stil „Heavy-Metal-Fußball“. Der Streit Ballbesitz gegen Umschaltspiel prägte die deutsche Taktikdiskussion jener Jahre. Dabei liegen beide Ideen näher beieinander, als die Debatte vermuten ließ: Guardiolas Teams pressen nach Ballverlust aggressiv, und Klopps Gegenpressing wurde laut Fussballtraining24 von Barcelonas Rückeroberung beeinflusst.

Kritik und Niedergang

Das Hauptargument der Kritiker: Ballbesitz ohne Tiefe, Querpässe ohne Torgefahr. Gegner lernten, sich in einem kompakten tiefen Abwehrblock zu ordnen und auf Konter zu warten. Spanien schied bei der WM 2014 in der Gruppenphase aus. Bei der WM 2018 hatte Spanien gegen Russland drei Viertel der Spielzeit den Ball und verlor trotzdem, wie die NZZ damals festhielt.

Was bleibt

Als Etikett ist Tiki-Taka aus der Mode, seine Prinzipien sind überall. Aufbau über den Torwart, passstarke Innenverteidiger, Mittelfeldspieler zwischen den Linien und Pressing direkt nach Ballverlust gehören heute zum Standard, auch in der Bundesliga. Guardiola selbst spricht lieber vom Positionsspiel, also der Struktur, die das Passspiel erst möglich macht.

Woran man Tiki-Taka im Spiel erkennt

Zähle die Pässe vor einem Abschluss und achte auf die Abstände. Spielt eine Mannschaft Tiki-Taka, stehen die Spieler nah am Ball, es gibt viele kurze Pässe hintereinander und kaum lange Bälle. Dann schau auf den Moment des Ballverlusts: Attackieren sofort drei oder vier Spieler den Ballführenden, schützt die Mannschaft ihren Ballbesitz wie einst Spanien und Barcelona. Mehr zu den einzelnen Rollen findest du in der Übersicht der Positionen im Fußball.

Guardiola selbst sprach lieber vom Positionsspiel, der Struktur unter dem Passspiel: wo die Spieler stehen, damit jeder Pass einen Vorteil schafft.

Was bedeutet Tiki-Taka im Fußball?

Tiki-Taka ist ein Spielstil mit kurzen Pässen, ständiger Bewegung und hohem Ballbesitz. Die Mannschaft lässt den Ball geduldig laufen, bis sich eine Lücke öffnet. Nach Ballverlust presst sie sofort, um ihn zurückzugewinnen.

Woher kommt der Begriff Tiki-Taka?

Das Wort steht im Spanischen für Klick-Klack-Kugeln und ahmt das Geräusch vieler kurzer Pässe nach. Populär machte es der Journalist Andrés Montes bei der WM 2006 im Sender La Sexta.

Hat Guardiola bei Bayern Tiki-Taka gespielt?

Guardiola brachte seine Ballbesitzideen 2013 nach München und gewann drei Meisterschaften. Nach dem 0:4 gegen Real Madrid 2014 wurde sein Stil in Deutschland als fruchtloser Ballbesitz kritisiert. Er selbst lehnt das Etikett Tiki-Taka ab und spricht von Positionsspiel.

Was ist der Unterschied zwischen Tiki-Taka und Gegenpressing?

Tiki-Taka will das Spiel über eigenen Ballbesitz kontrollieren. Gegenpressing ist die Rückeroberung direkt nach dem Ballverlust, bei Klopp oft mit dem Ziel eines schnellen Angriffs. Guardiolas Teams nutzen ebenfalls Gegenpressing, aber vor allem, um den Ball wieder zu sichern.

Gab es Tiki-Taka auch in Deutschland?

Ein früher Verwandter ist der Schalker Kreisel der 1920er- und 1930er-Jahre mit seinem direkten Kurzpassspiel. Später versuchte Guardiola mit Bayern, Ballbesitzfußball in die Bundesliga zu bringen.

Probiere das 4-3-3 auf der Taktiktafel aus.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Tiki-Taka — Wikipedia
  2. Schalker Kreisel — Wikipedia
  3. Deutschland - Spanien: Spielbericht WM 2010 Halbfinale — fussballdaten.de
  4. Pep und die Kunst der Kritik — Spielverlagerung
  5. The greatest teams of all time: Barcelona 2008–12 — UEFA