Spielstile · Analyse
Positionsspiel: wie Guardiola mit Struktur Überlegenheit schafft
Positionsspiel erklärt: Zonen, freier Mann, drei Arten der Überlegenheit. Von Cruyff über van Gaal bis Guardiola und was der FC Bayern damit zu tun hat.
Positionsspiel ist eine Angriffsidee, bei der die Spieler feste Zonen auf dem Platz besetzen, um hinter jeder gegnerischen Linie Überlegenheit zu schaffen. Der Ball wandert dann zum freien Mann, der diese Überlegenheit nutzen kann.
Das Wort ist die deutsche Übersetzung des spanischen juego de posición. Es beschreibt weniger eine Grundordnung als eine Reihe von Prinzipien darüber, wo die Spieler stehen. Die deutschsprachige Wikipedia nennt Pep Guardiola einen der prominentesten Vertreter des Positionsspiels und hebt drei Dinge hervor: die Positionierung im Raum, Passdreiecke und Anspielstationen zwischen den Linien.
Positionsspiel, Juego de Posición, Relationsspiel: die deutschen Begriffe
Im Deutschen ist Positionsspiel der gängige Fachbegriff, etwa in den Analysen von Spielverlagerung. Wer es genauer meint, sagt auch juego de posición. Verwechslungsgefahr gibt es mit den Positionsspielen im Training: Das sind Spielformen mit Überzahl auf begrenztem Feld, etwa ein Vier-gegen-vier mit drei zusätzlichen Anspielern.
Als Gegenbegriff taucht in der jüngeren Taktikdebatte das Relationsspiel auf. Spielverlagerung beschreibt den Unterschied so: Das Positionsspiel will möglichst weit vorne freie Spieler kreieren, das Relationsspiel will die Spieler ins Zusammenspiel miteinander bringen. Als Musterbeispiel für das Positionsspiel nennt der Artikel Guardiolas Manchester City, für das Relationsspiel Fernando Diniz' Fluminense.
Die Grundidee: Überlegenheit
Positionsspiel beginnt mit einer Frage: Wo hat meine Mannschaft gerade einen Vorteil? Eine Analyse von Adin Osmanbasic auf Spielverlagerung beschreibt drei Arten der Überlegenheit.
- Numerische Überlegenheit: mehr eigene Spieler als Gegner in einem Bereich, also klassische Überzahl, etwa drei gegen zwei im Aufbau.
- Qualitative Überlegenheit: der beste eigene Spieler gegen einen schwächeren Gegenspieler, zum Beispiel ein Flügelspieler im Eins-gegen-eins mit dem Außenverteidiger.
- Positionelle Überlegenheit: Spieler zwischen oder hinter den gegnerischen Linien, die der Gegner nicht angreifen kann, ohne eine Lücke zu öffnen.
Die Mannschaft lockt den Gegner mit kurzen Pässen auf eine Seite und spielt dann zum freien Mann. Deshalb sind das Spiel über den Dritten und linienbrechende Pässe so wichtig. Ein weiteres Mittel ist die Spielverlagerung: Der schnelle Seitenwechsel trifft den Gegner, wenn er gerade auf die Ballseite verschoben hat.
Zonen, Linien und Halbräume
Guardiolas Teams trainieren Bewegungsabläufe auf einem Feld, das durch Linien in Zonen geteilt ist. Die Spielverlagerung-Analyse nennt zwei Regeln, auf die die Spieler dabei ständig achten:
- nie mehr als drei Mitspieler auf derselben horizontalen Linie;
- nie mehr als zwei in derselben vertikalen Spur.
So entstehen Dreiecke und Rauten, und kein Spieler verstellt einem anderen den Passweg. Das Feld wird oft in fünf vertikale Streifen geteilt: zwei Flügel, zwei Halbräume und das Zentrum.
Woher es kommt
Die Linie führt über Johan Cruyff zu Guardiola. Cruyff spielte unter Rinus Michels, dem Vater des totalen Fußballs, und Guardiola nennt Cruyff seinen größten Einfluss. Mit dem totalen Fußball teilt das Positionsspiel den Gedanken, dass Positionen Rollen in einer Struktur sind und keine festen Jobs für bestimmte Spieler. Die Spielverlagerung-Analyse nennt außerdem Juan Manuel Lillo, einen Pionier des juego de posición, den Guardiola nach eigenen Worten oft um Rat fragt, und den argentinischen Trainer Ricardo La Volpe. Nach ihm ist die salida lavolpiana benannt: Die Innenverteidiger rücken auseinander, ein zentraler Mittelfeldspieler wie der Sechser lässt sich in die Lücke fallen, und die Außenverteidiger schieben hoch. Pressen zwei Stürmer, beginnt der Spielaufbau so mit drei gegen zwei.
Der FC Bayern als deutsches Labor
In Deutschland ist das Positionsspiel eng mit dem FC Bayern verbunden, und zwar schon vor Guardiola. Louis van Gaal trainierte die Münchner von Juli 2009 bis April 2011. Er stellte das Spiel laut der deutschsprachigen Wikipedia auf Ballbesitz um, setzte auf Franck Ribéry und Arjen Robben auf den Flügeln und baute Thomas Müller und Holger Badstuber ein. 2010 gewann Bayern Meisterschaft und DFB-Pokal und erreichte das Champions-League-Finale, das 0:2 gegen Inter verloren ging.
Martí Perarnau, der Guardiolas erste Saison in München für ein Buch begleitete, sagt in einem Interview mit Spielverlagerung: Guardiola habe bei Bayern das Positionsspiel fortgeführt, das van Gaal fünf Jahre zuvor eingeführt hatte. Seine Version war vertikaler als die in Barcelona: Überlegenheit sollte eher durch Pässe nach vorn entstehen als durch Querpässe, was noch mehr Technik verlangte. Von 2013 bis 2016 gewann Guardiola mit Bayern drei Meisterschaften und zweimal den DFB-Pokal, scheiterte aber dreimal im Halbfinale der Champions League.
Spielverlagerung hebt in der Rezension von Perarnaus Buch „Herr Guardiola“ hervor, dass Guardiola darin mehrfach über den „falschen Innenspieler“ spricht, also über Außenverteidiger, die nach innen rücken. Das Prinzip kennt man heute als inversen Außenverteidiger. Das Abkippen des Sechsers heißt im Buch „Lavolp’scher Spielaufbau“. Den Begriff Tiki-Taka lehnte Guardiola dagegen ab: Laut der Rezension nannte er das bloße Zuspielen ohne Absicht „dummes Zeug“.
Wie es heute auf dem Platz aussieht
- Breite durch die Flügel: Die Außen bleiben an der Seitenlinie, damit die gegnerische Kette sich streckt und die Halbräume aufgehen.
- Außenverteidiger rücken ein und verstärken das Mittelfeld. Sie sichern die Mannschaft gleichzeitig gegen Konter ab.
- Spieler zwischen den Linien: eine falsche Neun oder ein Achter im Halbraum, der aufgedreht angespielt werden kann.
- Eine geordnete Restverteidigung: Weil alle in geplanten Zonen stehen, ist die Absicherung bei Ballverlust schon da.
Die Grundordnung auf dem Papier ist oft ein 4-3-3. Im Ballbesitz sieht die Staffelung dann ganz anders aus, weil Außenverteidiger und Sechser ihre Zonen wechseln.
Positionsspiel und Tiki-Taka
Beide werden oft gleichgesetzt. Tiki-Taka beschreibt die sichtbare Oberfläche: viele kurze Pässe, lange Ballbesitzphasen. Das Positionsspiel ist die Struktur darunter: wo die Spieler stehen, damit diese Pässe einen Vorteil bringen. Eine Mannschaft kann lange den Ball halten, ohne Positionsspiel zu betreiben. Und ein Team mit Positionsspiel kann direkt und vertikal spielen, wenn dort die Überlegenheit liegt.
Stärken und Kritik
Die größte Stärke ist Kontrolle. Jeder weiß, wo er stehen muss. Die Mannschaft hält den Ball auch unter Druck und gewinnt ihn nach Verlust schnell zurück. Neue Spieler lassen sich leichter einbauen, weil die Zonen gleich bleiben.
Kritiker halten strenge Positionsregeln für berechenbar. Sie schränken die individuelle Freiheit ein und laufen gegen tief und kompakt stehende Gegner oft ins Leere. Genau hier setzt die Debatte um das Relationsspiel an, in dem sich die Spieler eher zum Ball und zueinander bewegen, statt Zonen zu halten.
Woran man Positionsspiel im Spiel erkennt
Schau dir die Mannschaft im Ballbesitz in der Totalen an. Kleben beide Flügelspieler an der Seitenlinie? Steht nie ein Mitspieler direkt vor dem anderen in derselben Spur? Läuft der Ball geduldig, bis jemand zwischen den Linien aufgedreht angespielt wird? Dann siehst du Positionsspiel. Im Aufbau ist ein Sechser oder Außenverteidiger, der eine Dreierkette oder ein Viereck vor der Abwehr bildet, ein weiteres Zeichen. Mehr zu den einzelnen Rollen findest du in der Übersicht der Positionen im Fußball.
Was ist Positionsspiel im Fußball?
Positionsspiel, spanisch juego de posición, ist eine Angriffsidee, bei der die Spieler geplante Zonen besetzen. So entsteht numerische, qualitative und positionelle Überlegenheit. Der Ball geht dann zum freien Spieler, der sie nutzen kann.
Welche Regeln gelten im Positionsspiel?
Am häufigsten zitiert werden zwei Regeln: nie mehr als drei Spieler auf einer horizontalen Linie und nie mehr als zwei in einer vertikalen Spur. Das Feld wird dafür meist in fünf Streifen geteilt. So entstehen Dreiecke und diagonale Passwege.
Hat van Gaal oder Guardiola das Positionsspiel zu Bayern gebracht?
Beide. Louis van Gaal führte das ballbesitzorientierte Positionsspiel ab 2009 in München ein. Guardiola entwickelte es ab 2013 weiter, mit mehr vertikalen Pässen und einrückenden Außenverteidigern.
Was ist der Unterschied zwischen Positionsspiel und Relationsspiel?
Im Positionsspiel halten die Spieler Zonen, um freie Spieler möglichst weit vorne zu schaffen. Im Relationsspiel suchen sie die Nähe zueinander und zum Ball und lösen Situationen durch Kombinationen auf engem Raum.
Quellen und weiterführende Informationen
- Juego de Posición under Pep Guardiola — Spielverlagerung (Adin Osmanbasic, mit Interview von Martí Perarnau)
- Türchen 24: Positionsspiel gegen Relationsspiel — Spielverlagerung
- Rezension: Herr Guardiola von Martí Perarnau — Spielverlagerung
- Louis van Gaal — Wikipedia
- Zoneneinteilung von Cruyff bis Guardiola — Fussballcoach
- Pep Guardiola — Wikipedia